Ein Zwischenruf

Liebe Leser,
in der Tech-Branche ist der Begriff der „Translation“ gefürchtet: der hochkomplexe Prozess, eine geniale Labor-Entdeckung in ein marktreifes Produkt zu übersetzen. Unzählige Innovationen sterben auf diesem Weg im „Tal des Todes“. Warum? Weil die Erfinder die Idee haben, aber die Investoren das Geld und die Macht. Dem versucht man mit allerlei Tricks und Kniffen eine andere Machtposition entgegenzustellen – mit viel Formulierungskunst und in endlos verketteten Bedingungsregeln über mögliche spätere Geldflüsse und die Aufteilung von Rechten und Pflichten. In Wien haben sich nun alle einschlägigen Institutionen zusammengetan, um zumindest die Harmonisierung auf einer Seite hinzubekommen.
Doch aus aktuellem Anlass kann man das Gefühl haben, dass genau an diesem Translationsproblem auch unsere Gesellschaft insgesamt leidet. Das „Vertragswerk“ zwischen den Generationen ist zu komplex geworden, die Partner am Verhandlungstisch sprechen keine gemeinsame Sprache, mitunter sitzen sie nicht einmal am selben Tisch.
Die ältere Generation – meine Generation – sitzt an den Hebeln der Macht, verwaltet den Status quo und blockiert den Transfer der jugendlichen, radikalen, verrückten Ideen, die nicht in unseren Erfahrungsschatz passen. Doch meine Generation driftet langsam ab in den Vorruhestand, befindet sich schon mittendrin, wurde gerade freigestellt, pflegt im Garten schon die Rosen oder schreibt endlich diesen einen Roman, der immer noch geschrieben werden wollte. Wir verhalten uns wie risikoaverse Großinvestoren, die den jungen Gründern die Skalierung verweigern, weil uns der radikale Wandel Angst macht. Unser gelerntes Erfahrungswissen spielt immer weniger eine Rolle. Der KI-Agent hat schon geliefert, während wir noch in der Google-Suchmaske festhängen. Es sind ja wir, die die elektronische Patientenakte oder die Deutschland-ID so kompliziert machen, dass kein Mensch damit arbeiten will.
Die digitale Brücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen den Generationen ist noch nicht gebaut, und nein, ich meine nicht, dass ein Tiktok-Minister Philipp Amthor ausreicht. Die Sprach- und Aktionswelten der Generationen treffen sich daher nicht mehr am Verhandlungstisch. Wer noch laufen kann, geht dann eben auf die Straße. Wenn wir den Transfer von der jugendlichen Vision in die reale Politik dauerhaft blockieren würden, riskieren wir das, was wir schon einmal in den 1968ern erlebt haben: Frustration und Radikalisierung. Nur diesmal muss es schneller gehen als in den 70er und 80er Jahren, bis allmählich die Grünen ihren Marsch durch die Institutionen angetreten haben. Wir müssen gesellschaftliches „Reverse Mentoring“ wagen. Wir Alten haben das Kapital, die Erfahrung und die Machtpositionen. Die Jungen haben die Dringlichkeit und den Blick für das Kommende. Hören wir auf, die Zukunft zu blockieren und immer nur überkommene Geschäftsmodelle und Rituale erneut zu wiederholen. Radikal kann gegen die Menschlichkeit gerichtet sein und muss dann zurückgedrängt werden, aber radikal kann auch die Disruption des Traditionellen sein, die wir in den ganzen Innovationsbereichen ständig suchen, herauskitzeln und unterstützen wollen. Investieren wir endlich in diese radikale Kreativität der Jugend und geben ihr auch eine Machtposition bei der Gestaltung der (ihrer) Zukunft, nur so kann Translation auch zwischen den Generationen funktionieren.
Apropos Rituale: in einer Woche treffen wir uns wieder auf der BIO-Europe. Eine gute Gelegenheit, auf die Inhalte und das größere Ganze zu schauen: welche Zukunft der Gesundheit verhandeln wir dort eigentlich? Eine gute Woche wünscht
Ihr Georg Kääb

BioInnovation Institute, BII
Fresenius SE